Schweiz darf mehr als zehn Millionen Einwohner haben
Beim Referendum über eine strikte Bevölkerungsobergrenze zeichnete sich am Sonntag eine Niederlage der Befürworter der von der nationalpopulistischen SVP initiierten Abstimmung ab.
14.06.2026 um 13:54 von Michael Laczynski Artikel teilen Das Ergebnis dürfte knapp ausfallen – ob so knapp wie das Brexit-Referendum vor zehn Jahren, bei dem 52 Prozent der Briten für den Austritt aus der EU gestimmt hatten, muss sich allerdings noch weisen: Am Sonntag waren die Schweizer zu den Wahlurnen gerufen, um über eine Initiative zu befinden, die die Bevölkerungszahl ihres Landes auf maximal zehn Millionen limitieren würde. Und der Vergleich mit dem britischen Votum am 23. Juni 2016 ist insofern berechtigt, als die Annahme der Bevölkerungsinitiative die Anbindung der Schweiz an den Binnenmarkt der EU gefährden würde.
55 Prozent Nein erwartet
Danach sah es Sonntagnachmittag allerdings nicht aus. Die ersten Hochrechnungen des Umfrageinstituts Lewas deuteten darauf hin, dass schlussendlich rund 55 Prozent der Schweizer die Initiative zur 10-Millionen-Schweiz ablehnen würden. Lukas Golder vom Umfrageinstitut gfs.bern sagte im Schweizer Fernsehen SRF, dass die französischsprachige Westschweiz und die Städte entscheidend für das Scheitern der Volksabstimmung gewesen seien.
Geht die Volksabstimmung gemäß dieser ersten Prognose aus, dann wäre die Schweiz damit um eine Haaresbreite an einem ökonomischen Frontalzusammenstoß mit allen seinen Nachbarn (mit Ausnahme des Fürstentums Liechtenstein) vorbeigeschrammt. Denn die Initiative sah vor, dass die Schweizer Regierung dazu verpflichtet wäre, Maßnahmen zur Drosselung der Zuwanderung zu ergreifen.
Der 10-Millionen-Deckel hätte zwar erst ab dem Jahr 2050 gegolten, doch zugleich war vorgesehen, dass Bern ab 9,5 Millionen Einwohnern die Asylvergabe und der Familiennachzug einschränken müssten. Und diese Bevölkerungszahl dürfte gemäß demografischer Modelle bereits in den 2030er-Jahren erreicht werden. Derzeit zählt die Schweiz rund 9,1 Millionen Einwohner. In den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten ist die Bevölkerungszahl in der Schweiz um gut ein Viertel gewachsen.
1,4 Mio. EU-Bürger
Das hat nicht so sehr mit Flüchtlingen zu tun, sondern mit „regulärer“ Arbeitsmigration aus der EU. Nach Angaben der EU stammte zuletzt jeder fünfte aktive Teilnehmer am Schweizer Arbeitsmarkt aus der Union, gefolgt von knapp 15 Prozent aus Drittstaaten. Schätzungen zufolge haben sich rund 1,4 Millionen EU-Bürger in der Schweiz niedergelassen, weitere 340.000 EU-Bürger pendeln aus dem nahen EU-Ausland zum Arbeiten in die Schweiz.
Die Krux: Die Personenfreizügigkeit ist als eine der vier Grundfreiheiten der EU integraler Bestandteil der Regeln, die den Schweizer Zugang zum europäischen Binnenmarkt ermöglichen. Das Land ist auch Mitglieder der Schengenzone, die friktionsfreies Reisen innerhalb Europas möglich macht. Und die EU ist mit einem Anteil vor rund 50 Prozent der mit Abstand wichtigste Exportmarkt. Erst Anfang März schnürten Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Präsident Guy Parmelin ein Maßnahmenpaket zur Neuregelung der Beziehungen zwischen der EU und der Schweiz.
Diese Vereinbarung wäre durch eine Annahme der von der nationalpopulistischen Schweizerischen Volkspartei (SVP) unterstützten Initiative in Frage gestellt worden – weshalb fast alle Parteien, die Regierung und Wirtschaftsvertreter den Vorschlag im Vorfeld bekämpft hatten. Justizminister Beat Jans hatte sogar vor einem „Brexit-Moment“ gewarnt und betont, dass ohne Personal aus dem Ausland die Krankenhäuser und Pflegeheime des Landes nicht mehr funktionieren würden.
Mehr dazu
Comments (0)
No comments yet. Be the first!